Der Markt
Der Markt ist die Attraktion von Rabaul schlechthin und wegen seines überbordenden Warenangebots im ganzen Südseeraum bekannt. Das liegt auch an dem fruchtbaren Vulkanboden um Rabaul, der viele Plantagenbesitzer angezogen hat. So werden eine unübersehbare Fülle an unterschiedlichen Früchten und Gemüsesorten feilgeboten, deren Namen wir noch nie gehört, geschweige denn davon probiert haben.
Für uns als Besucher von Rabaul ist der Markt vor allen Dingen eines: ein großer Magnet. Hier finden sich die Locals aus dem Ort und der näheren Umgebung zusammen, um zu kaufen, gesehen zu werden, Informationen auszutauschen und am neuestens Tratsch und Klatsch teilzuhaben. Ein
Magnet, der auch alle Geräusche, Gerüche und Farben anzieht. Zweihundert Meter weiter weg, da wo Onkel Paul beispielsweise wohnt, ist es sehr ruhig, tropisch träge und gemächlich. Kaum sind wir aber in die Malaguna Road süd-westlich eingebogen, bekommen wir eine Ahnung von diesem quirligen Basar. Je mehr wir uns dem Markt nähern, desto mehr Menschen sind unterwegs: etliche Locals, einzeln, in Gruppen, mit oder ohne Kinder, einfach ein buntes Gequirle an Menschen. Und alle strömen sie zum Markt, wie wir. Touristen sind seltener anzutreffen.
Früher, vor dem letzten Vulkanausbruch 1994, waren es anderthalbtausend in der Woche, die mit großen Kreuzfahrtschiffen in Rabaul ankamen. Der Markt war damals schon eine der Attraktionen in Rabaul und erstes Ziel für viele Kreuzfahrtreisende. Ja früher, aber das war einmal. - Heute fallen wir als Touristen auf und werden immer wieder neugierig beäugt.
Als wir am Page Park vorbei sind, breitet sich das Marktgelände vor uns auf der anderen Straßenseite aus. Ein großes Areal, das sich die Bates Street fast bis zum nächsten Straßenabzweig hinzieht; also viele hundert Quadratmeter groß ist. Auf dem zentralen Marktgelände stehen mehrere Reihen von Marktständen, die jeweils mit einem Wellblechdach geschützt sind. Die Stände selber sind große rechteckige
Tische, die eher überdimensionalen Grillrosten gleichen. Vor den überdachten Reihen sind weitere Markttische aufgestellt, und davor und um den Markt herum werden die Waren auch einfach nur auf ebener Erde feilgeboten. - Der Markt
ist bunt und laut, aber auch dreckig und staubig. Abfälle liegen überall herum. Niemand schert sich darum. Irgendwann, wenn es zuviel geworden ist, wird sie wohl jemand auflesen.
Der Markt ist vor allen Dingen eine Angelegenheit der Frauen, die, jeden Alters, das Geschehen dominieren. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Tolais, der wichtigste Stamm in East New Britain. Die Tolais sind, verglichen mit dem Standard des Landes, wohlhabend. Wohl gemerkt, verglichen mit einem sehr, sehr ärmlichen Standard. Sie haben gelernt, mit Copra, Kakao und Gemüse relativ viel Geld zu verdienen und viele besitzen eigene Geschäfte. Frauen
flechten aus Kokosnussblättern Körbe, in denen sie ihr Gemüse auf den Markt bringen; nicht nur heimische Produkte, sondern auch importierte, mittlerweile aber selbst angebaute Tomaten, Gurken oder Bohnen.
Neben dem Obst und Gemüse bieten sie Bilums, Körbe, Kämme und Muscheln an; ebenso Naturtabak und Betelnuss, beziehungsweise Beetlenut. Viele Frauen sind tätowiert, auch im
Gesicht. Mit verschieden großen Punkten und/oder Linien. Mitunter ähnlich einem Morse-Alphabet. Auf der Stirn, auf den Wangen, aber auch an Kinn und Nase. Wegen der dunklen Hautfarbe fallen diese Markierungen nicht weiter auf. Eine Frau erklärt mir auf Nachfragen, dass man die Stammes- oder Clanzugehörigkeit hieran erkennen kann. Viele tragen auch leichte Kinn- oder Schnurrbärte, sicher nicht so kräftig gewachsen wie bei Männern, - aber immerhin. Und diese Bärte tragen sie voller Stolz. Entsprechend ihrer Gene haben viele auch einen Hang zu Koteletten. Alles wird mit Würde getragen. - Männer sind auf den Märkten zwar auch immer präsent, treten aber höchstens als Kunden für Buai und Naturtabakblätter auf.
In ganz PNG ist Beetlenut unter dem Namen Buai bekannt. Eine leichte Rauschdroge, weit verbreitet. Für diesen Törn benötigt man die Betelnuss, zerriebenen Muschelkalk und eine bestimmte Palmfrucht. Du kaust erst an der Betelnuss, tunkst die Palmfrucht in den Muschelkalk, beißt ein Stück davon ab und zerkaust den ganzen Brei miteinander, ohne ihn zu verschlucken. Die ganze Pampe verfärbt sich daraufhin blutrot, und je nach "Sättigungsgrad" werden die
festen Bestandteile zielgenau wieder ausgespuckt. Wie beim Kirschkernweitspucken. Die Teilnehmer, das ist sozusagen die halbe Nation von PNG, würde jedem Wettbewerb zur Ehre gereichen. Wer die Frauen und Männer, Junge und Alte hat ausspucken sehen, wird dieses Bild nicht wieder
los. Wie eine Eidechse, die ihre Opfer aus mehreren Metern sozusagen zu Tode spuckt. Der rote Saft ist leicht ätzend, und praktisch nicht mehr zu entfernen. Weder vom Asphalt, noch aus den Klamotten. Du musst schon hinschauen,
wohin du trittst. "Pffssstt. Zack. Klatsch." Wieder so ein Flatschen am Boden. An belebten Plätzen und vor allen Supermärkten stehen alte Öltonnen, in die doch bitte hinein gespuckt werden soll. Wird nur nicht immer. Höchstens, wenn Touristen in der Nähe sind. Um des guten Eindrucks willens, den aber auch ein jeder hinterlassen will, und das meine ich im allerpositivsten Sinne. - Dieses Buai-
kauen löst eine ganze Reihe an unerfreulichen Nebenwirkungen aus. Magen-, Zahnfleisch- und Zahnerkrankungen sind überdurchschnittlich hoch. Weil nicht nur die Zähne sich blutrot färben und sich nur noch schlecht bis gar nicht mehr von den roten Farbstoffen befreien lassen, sondern auch die Lippen, werden die äußeren Nebenwirkungen PNG Lipstick genannt. Also, hübsch ist das wirklich nicht anzuschauen. Eher wie aus einem Horrorfilm. Gerade abgebissen sozusagen. Aber nun. Ich muss das Zeugs ja nicht kauen. Drei Kreuze.
Auf dem Markt gibt es neben dem bekannten Obst und Gemüse auch eine ganze Reihe weiterer Früchte, die uns, wie gesagt, völlig unbekannt sind. Kleine, handgemalte Pappschilder verraten die Preise der jeweiligen Waren. Es empfiehlt sich, kleine Münzen auf den Markt mitzunehmen.
100 Toea (sprich "toya") sind 1 Kina (etwa 25 Cent) wert. Daneben gibt es noch Banknoten im Höhe von 2, 5, 10 und 20 Kina. Der Begriff Kina leitet sich von der Kina-Muschel ab, die ursprünglich die "Währung" der Natives war. Aber auch noch heute ist das Muschelgeld anerkanntes Zahlungsmittel.
Im Februar 2002 wurde in der Nähe von Rabaul die weltweit erste Muschelbank eröffnet, die "Tolai Exchange Bank". Eine Kette mit Muscheln sind 4 Kina wert. - Wir, als Neulinge in Rabaul, haben natürlich noch kein Gefühl für den Wert des Geldes hier. Als ich mit einem 5 Kina-Schein bezahle, entsteht Unruhe. Mehrere Frauen kommen zusammen und beflissen leiht und verleiht man Kleingeld. Es dauert eine Weile, bis die beiden Ananas wirklich mir gehören, und ich 4 Kina 20 Toea wieder zurück erhalte.
Kinder und auch einige Frauen suchen den Händedruck und verschämten Körperkontakt. Wie fühlt sich weiße Haut an ? Wie fühlt sich schwarze Haut an ? Gleich. Zu dem Ergebnis sind wir jedenfalls gekommen. Auch ist uns starker Körpergeruch entgegen geschlagen. Zum einen der stärkere Eigengeruch der Einheimischen, allerdings vielfach vermischt mit altem Schweiß. Mitunter auch der Geruch von alter Pisse. Die hat auch ihr Oeuvre. - Grauenhaft, aber die Locals scheint die mangelnde Hygiene nicht weiter zu stören. Obwohl, wer im Sommer mal im Hallenbad in Deutschland war, kann auch ein Lied davon singen. Geruch bleibt Geruch. All over the world.
Der Markt findet an sechs Tagen die Woche von 8.00 bis 16.00 Uhr statt. Zurzeit herrscht Regenzeit und deshalb sind nur einige Hundert Personen im Geschehen. In der Trocken-zeit kommen noch einige Tolais aus den entlegeneren Tälern mit ihren Waren auf den Markt. Wenn die Straßen und Pisten das zulassen und sie nicht gerade wieder von Regengüssen und Erdrutschen weggerissen sind.
Wir kehren erschöpft, von den ganzen Eindrücken überwältigt, wie von einem Magneten ausgelaugt, vom Markt wieder heim zu Onkel Paul. Ruhe ? - Von wegen. Unsere reizende Begleiterin Mary weist uns herzlich auf das nächste Event hin: Disco im Hotel Hamamas. Heute Abend ! - Wir schauen etwas müde zu Mary und denken: "Disco ? - Warum eigentlich nicht ? !" - Und wir antworten aus einem Mund: "Mary, das schauen wir uns an."
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