Rabaul Queen
Es ist bereits 14.40 Uhr, und die Boarding Time seit einer halben Stunde überfällig.
Wir behalten die Ruhe, beladen den Pick-up, fahren zum Hafen und wünschen uns gegenseitig alles Gute. Jetzt geht es los. - Meine Reiseleiterin und ich schieben uns, schwer bepackt, an den Locals vorbei, Richtung Drehkreuz. Die Eingeborenen hängen lässig auf und neben ihrem Gepäck ab und spüren die Unruhe, die wir zwei, an Zeitpläne gewöhnte Touris, verbreiten.
Wir stehen in einer Art offener Wellblechhalle, die zum Wasser, zur Gangway hin, mit Stahlverhau und Stacheldraht abgegrenzt ist. Wie der Ceckpoint Charlie damals in Berlin. Der Durchlass besteht aus einem recht engen Drehkreuz. Zwischen den Gitterstäben befindet sich eine nicht allzu große Öffnung, die mit einer Klappe versehen ist. Sie dient zum Durchreichen des Gepäcks. Was dort nicht durchgeht, wird verdammt teuer, lautet die Beförderungsordnung, die kunstvoll per Hand auf ein abgewracktes Schild gemalt ist. Zweisprachig. In Englisch und Pidgin. Auch weisen Schilder daraufhin, kein Buai zu kauen. Der rohe Betonboden gleicht einem roten Teppichbelag.
Ich schiebe mich direkt bis an das Drehkreuz heran, und spreche durch die Gitter einen Security Guard an. Der hat völlig blutrote Augen und Zähne, scheint genauso angetörnt zu sein, wie sein an der Leine mitgeführter Deutscher Schäferhund. Kommissar Rex stürzt sich, empört über meine Frechheit, sein Herrchen anzusprechen, auf mich, und ich schreie ihn an: "Du bist aber ein Feiner, so ein schlaues Tier !" - auf deutsch. Der Hund hält die Klappe, und auf englisch frage ich Mister Buai, wo die First Class Lounge sei. Mister Buai versteht nur Bahnhof und holt seinen Vorgesetzten.
Der zeigt sich verständnisvoller und fragt uns ganz aufgeregt: "Sie haben First Class Tickets ?" - "Ja, die haben wir." - "Haben Sie wirklich First Class Tickets ?", wiederholt er sich. - "Ja, ja, hier sind sie." Ich zeige sie ihm, und entgeistert schaut er drauf. - "Ja, das sind wirklich First Class Tickets", sagt er. "Da sind Sie hier aber völlig falsch." - "Wie bitte ? Falsch ?" - "Ja", belehrt er uns, "da müssen Sie zu mir. Hier auf die andere Seite." Ja wunderbar. - "Dann entriegeln Sie doch bitte das Drehkreuz. Dann kommen wir auch." - "Nein, das geht nicht", weist er meine Bitte ab. - "Wieso geht das nicht ?" - "Weil es zu ist." - "Ja, dann öffnen Sie doch bitte." - "Nein, das geht nicht. Jetzt nicht. Sie müssen ganz außen herum gehen. Aus der Halle raus, auf die Straße und durch das Tor, dort rechts am Gebäude durch. Dann gelangen Sie hierhin. Sie sind jetzt links vom Gebäude. Sie müssen einfach durch das andere Tor. Sie können aber das Gepäck schon mal hier durch die Klappe schieben." - Ja toll ! Protestieren hilft nichts, und schließlich auf der anderen Seite, seiner Seite, angekommen, erklärt er uns die Spielregeln. First Class Passagiere, selten genug sind sie, fahren mit ihren Autos direkt bis an die Gangway. Dort schiffen sie als erste ein und Träger schleppen das Gepäck an Bord. First Class Passagiere mischen sich für gewöhnlich nicht
unter das gemeine Volk. - Tja, wieder was dazu gelernt.
Der Vorgesetzte von Mister Buai zeigt uns einen staubigen zerbeulten Wellblechcontainer. Dort ist mit ungelenker Handschrift "1st Class Lounge" aufgemalt. Ich öffne die Tür und setze einen Schritt hinein. Dunkelheit und Kälte empfangen mich. Eine Glotze läuft mit ziemlicher Lautstärke. Formel 1. Die Air Condition gibt alles, ein paar Hafenarbeiter flegeln sich in ausgelutschten Kinositzen, und nehmen mich gleich mit lautem "Hello" in Empfang. Auf einem klebrigen Tischchen steht eine Thermoskanne mit heißem Wasser, ein paar Teebeutel und ein verschmiertes Nescaféglas. Würfelzucker, an dem sich bereits Ameisen laben, liegt offen herum. Die Hafenarbeiter sind mittlerweile von ihren Sitzen aufgesprungen und wollen offensichtlich keinen faulen Eindruck erwecken. Einer von ihnen weist gestenreich auf das Gedeck, wir sollen uns einfach bedienen. Ich danke dem Burschen, wünsche allen weiterhin viel Spaß, ziehe es aber vor, gemeinsam mit meiner Reiseleiterin draußen auf den weiteren Verlauf der Einschiffung zu warten.
Am Kai angelangt, sehen wir "unser" Schiff zum ersten Mal in voller Pracht. Von allen anwesenden Personen freudig begrüßt: Die Rabaul Queen. Aus Sicht einer Landratte betrachtet ganz schön groß und solide. Zumindest auf den ersten Blick. Beim näheren Hinsehen entdecken wir unter dem Schriftzug "Rabaul Queen" den ursprünglichen Schiffsnamen. Der besteht aus asiatischen Schriftzeichen und
könnte Japanisch, Koreanisch oder Chinesisch sein. Keine Ahnung. Auch sehen wir jetzt jede Menge Rostfahnen überall und ohne Ende an allen Ecken und Kanten. Das gehört ja wohl dazu. Ich muss unweigerlich an das "Totenschiff" von B. Traven denken. Was soll's. Wir haben keine Wahl. Also, auf geht's.
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