Tauchen
Die Sonne steht schon hoch oben, und das Boot dümpelt ein wenig. Das Licht fällt jetzt senkrecht ins Wasser. Das erzeugt unglaublich tolle Lichtreflexe im Wasser. Wie tanzende Strahlenringe, die aus einer Quelle zu stammen scheinen. Wie ein Licht, das von unten hoch herauf scheint. Schier aus dem Wasser heraus schießt, in seiner Mitte jedoch den Weg nach unten weist. Das sich in den Bewegungen des Wassers schaukelnd auflöst und wieder neu formiert. Diese Lichtstrahlen zeigen scheinbar alle nur auf einen Punkt. Da liegt ein Schatz. Da ist Wunderland. Dort wartet der heilige Gral.
Vielleicht klingt das etwas übertrieben, aber, wenn ich mir überlege, wie das wohl auf die Eingeborenen hier wirkt. Oder wie es auf uns Eingeborene vor drei Tausend Jahren gewirkt haben muss. Seltsame Lichterscheinungen am Himmel, an Land und auf dem Wasser. Da haben wir noch nichts gewusst, von Lichtbrechung und Spektralfarben. Da haben wir noch gestaunt. - Ich denke, es ist schön, gerade bei aller Hektik unserer heutigen Zeit, sich ein wenig diesen Urmenschen zu bewahren. Das ist gut so und vor
allem wichtig. Damit wir nicht das Maß für das Leben verlieren, und uns damit selber, oder besser unserem Urgrund, wieder etwas näher kommen. In einer solchen Gegend, wie hier, kannst du das.
Unser erster Tauchgang ist auf seine Weise spektakulär gewesen. Der zweite soll ruhiger werden. Wirklich ohne "Action" und ohne Strömung. Entspannung pur soll folgen. Nach guten anderthalb Stunden Oberflächenpause verlassen wir den Ankerplatz und schippern weiter zu den Blow Holes. Auf etwa 20 Metern Tiefe, liegt wieder eine Taka-Tuka-Landschaft vor uns. Völlig unwirklich. Sandiger Grund.
Leuchtend rote und blaue Korallen, die bis zu zwei Metern hoch wachsen, soweit das Auge reicht. Wie große Krüge, in einem gigantischen Lagerhaus aneinandergelehnt. Mit schmalen und breiten Gängen zwischendrin. Aber ohne erkennbares System. Und große brocken- und plattenartige Gesteinsformationen. Einige Meter hoch und breit. Und versteinerte Korallen. Mit bunten Flechten bewachsen, - oder auch nicht. Mal mit ganz glatter Oberfläche, mal mit versteinerter, kratziger Lava Oberfläche.
Dorian hat uns nicht zu viel versprochen. Es herrscht keine Strömung, und schwerelos tollen, treiben und tauchen wir durch das Wasser. Die Sicht ist ausgezeichnet. Kaum Schwebeteilchen im Wasser. Das Licht ist insgesamt nicht mehr ganz so gleißend und ist weicher geworden. Das sieht toll aus und verleiht den Oberflächen einen pastellartigen Anstrich. Es gibt wieder unglaublich viel zu beschauen, zu bestaunen und zu erkunden. Große, sehr große Lobster, Hummer also, hocken unter Fels- und Korallenvorsprüngen, und, mit ihren armlangen Fühlern, halten Sie ungebetene Gäste fern. Uns auch. Dorian lotst uns vorsichtig immer wieder einmal hier und dort hindurch, tunnelartige Gänge entlang, die aber mühelos zu bewältigen sind. Oder durch einen Kamin, ein paar Meter abwärts. An anderer Stelle wieder aufwärts.
Mitunter sind Engpässe zu bewältigen, was aber auch keine Schwierigkeiten bereitet. Die ganze Zeit über hat er uns im Auge. Er scheint auszuloten, wie gut wir mit den gestellten Aufgaben zurecht kommen. Wir aber genießen diesen Abenteuerspielplatz mit aller Lust, und das merkt man uns auch an. Ein White-Tip-Shark zieht seine Bahnen und lässt uns nicht aus seinen Augen, ganz nach dem Motto: "Was wollen die denn hier? Blödmänner. Die sollen sich gefälligst verziehen. Leider passen die nicht in mein Beuteschema." Und weil die Lobster sich das ebenfalls zu denken scheinen, und mir auch mittlerweile die Luft ausgeht, steigen wir langsam wieder, mit eingelegtem Sicherheitsstopp, nach oben. Und dann erneut das schöne Erleben nach dem Auftauchen. Du liegst da auf dem Wasser, selig wie ein Baby, und alle Bilder des vergangenen Tauchgangs kommen wieder in dir hoch. Unglaublich. Das ist echt toll.
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